Gedanken zur Essener Tafel

Folgende Gedanken kamen mir, nachdem die Essener Tafel Flüchtlingen die Neuaufnahme verwehrte:
Zu den eindringlichsten Erlebnissen meiner Indienreise gehörte 2015 der Besuch im Gurdwara Bangla Sahib (Sikh) Tempel in Delhi. 10000 vegetarische Essen werden dort am Tag gratis, unabhängig von der Bedürftigkeit, getragen von freiwilligen Helfern, ausgegeben. Staunend bin ich damals durch die offenen Großküchen gelaufen, habe mich in die langen Besucherreihen auf den Boden gesetzt um zusammen mit meinen Nachbarn aus der ganzen Welt meinen Blechteller zu leeren.

Niemand muss verhungern in Delhi. Wenn die verzweifelte Suche nach der täglichen Nahrung wegfällt, niemand mehr den nagenden Hunger in den Vordergrund aller seiner Handlungen rückt, werden Blick und Kopf frei. Das gemeinsame Kochen und Essen verbindet alle Religionen, Touristen und Bettler, Intellektuelle und Analphabeten, Bürgerliche und Aussteiger, Ärmste und Reiche. Und gibt allen ein bisschen Demut und Respekt vor dem Einfachen zurück.

Wir Alt-Aachener hier in der sogenannten Flüchtlingshilfe, wir Paten, Partner, Kindertröster und Behördenbegleiter, Ausbildungssucher und Joberklärer, Wohnungsscouts und Briefübersetzer, Möbeltransporter, Tränentrockner und zunehmend auch Alexianerbesucher, wir Sprachhelfer und Gerichtsbegleiter, wir hier unten, ganz vorne sind über unsere Angebote schon längst beim Thema Einsamkeit und Hunger angekommen. Wissen, dass eine kaputte Waschmaschine, eine unerwartete Nebenkosten-Nachzahlung oder notwendige Anwaltskosten den privaten Bankrott auf lange Zeit besiegeln, so dass oft auch rein gar nichts mehr in der Geldbörse klimpert. In der kalten Wohnung wird dann der Strom abgestellt, wenn nicht gleichzeitig alle Räder der durchaus vorhandenen und auch engagierten Sozialberatung greifen. Aber auch die muss erreicht werden, das schafft eben nicht jeder, man muss als Betroffener dranbleiben können und darf den oft langen und wahnwitzig komplizierten Weg durch die Behörden nicht scheuen. Aber selbst wenn das geschafft ist, fehlt das Geld dann immer noch, wenn auch in Raten. Von dem Luxus der gesellschaftlichen Teilhabe spricht spätestens dann schon längst niemand mehr. Die Regelsätze sind schlicht zu niedrig, vom Asylbewerbergeld und Hartz IV kann man nur noch irgendwie über-leben. Es darf dann aber einfach nichts Unvorhergesehenes passieren. Überhaupt nichts. Und das gilt für alle, für Rentner, Alleinerziehende, Kranke, eben alle, die aus dem Produktionskreislauf ausgeschert sind.

Spöttisch wurden zuletzt in der Theaterstraße unsere riesengroßen Töpfe auf dem Gaskocher mit den 10 kg Reis und der leckeren afghanischen, pakistanischen, syrischen, iranischen oder irakischen Sauce von den Deutschen kommentiert: ach sie kommen ja nur, weil sie verpflegt werden. Die Freude bei der gemeinsamen Zubereitung haben sich die Kritiker selten angeschaut. (Zu viele waren es für die Räume in Theaterstraße, 120 waren es im Café Papillon übrigens, obwohl wir dort nicht kochen können.) Es gab harte Diskussionen und harte Distanzierung über das Thema Gemeinschaftskochen. Auch ich hatte Zweifel, ob ich hier Grenzen überschreite, hier im reichen Deutschland nicht die falschen Zeichen setze, die Menschen tiefer in die Abhängigkeit treibe.

Eine öffentliche Speisung stellt ein unpopuläres Armutszeugnis für unsere Überflussgesellschaft dar. Punkt. Das passt nicht in das politische Bild, das Deutschland so gern vermittelt. Und wir Satten können oder wollen uns einfach nicht vorstellen, was diese niedrigen Regelsätze in der Praxis bedeuten. Wir dürfen den Staat nicht aus der Verantwortung lassen!

Auch Selbstzweifel unter uns freiwilligen Helfern regen sich. Dürfen wir Brosamen verteilen, wo die Menschen hier unseren Respekt in Augenhöhe verdienen? Verstärken Almosengaben das vordergründige Gefühl der eigenen Überlegenheit? Ist es das, was uns treibt? Dabei sollte doch eigentlich der Respekt im Vordergrund stehen, der Respekt vor dem Erlittenen, aber auch dem Erreichten, den kulturellen Sozialkompetenzen, die in unserer westlichen Konsumgesellschaft oft verschüttet wurden, dem Respekt vor der Geduld und Genügsamkeit, der Flexibilität und den unermüdlichen Bemühungen, doch irgendwie im Leben anzukommen und sich einzurichten. Auch wenn das Ankommen von den Neuzugewanderten zuweilen anders definiert wird als es uns lieb ist in unserer hektischen, kalten, kriegstreibenden Leistungsgesellschaft.

Gleichzeitig wächst das tiefe Unbehagen angesichts der unverfrorenen rassistischen Hetzkommentare, die sich immer mehr in unseren Alltag fräsen. Manch einer schämt sich, noch, für diejenigen unter uns, die sich tumb von der rechten Welle mitreißen lassen. Viel zu wenige protestieren.

Wir in der Theaterstraße (die wir gegen das Cafe Papillon eingetauscht haben) haben gelernt, wie ein Essen für ungefähr 60 Cent pro Person gekocht werden kann, lecker, die Welt auf der Zunge, der Reis gehaltvoll. Wir alle teilen bei der Zubereitung und dem Essen ein wohliges Gemeinschaftsgefühl. Viele Initiativen in Aachen haben das für sich entdeckt. Ja, die Küche ist ein guter Ort, um sich auszutauschen. Wir erreichen uns über die Herkunft hinweg über das gemeinsame Essen.

Ich spinne einfach mal weiter:
Und wenn wir auch in Aachen eine solche große Tafel mit angeschlossenem Kulturzentrum errichteten? Ein Zentrum für solidarischen Dialog, Austausch, Geselligkeit? Die jeden Tag für alle unabhängig von der Herkunft oder Bedürftigkeit für alle kostenlos geöffnet hat? Was, wenn wir so die gespenstisch leeren Einkaufsstraßen bevölkerten mit neuen sozialverträglichen Nutzungskonzepten? Die politische Dimension und die systembedingten Ursachen einer immer größeren Sozialkluft stehen auf einem anderen Blatt, da drängt die Zeit zu handeln, bevor die Gesellschaft auseinander sprengt.

So viele würden mithelfen bei solch einer universellen Tafel, unabhängig vom Sozialstatus, auch das wissen wir jetzt schon. Es wäre auch ein ziviler Ausdruck des Protests gegen die soziale Ausgrenzung der Geduldeten und derer, die sich längst nur noch so fühlen. Für 60 Cent pro Mensch gibt es vielleicht ein bisschen Glück am Tag und Raum für warme Worte und auch Taten. Für uns alle, nicht nur für die Flüchtlinge.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.