Flame for Peace-Lauf

Am 15.9. 2017 findet als Auftakt für das Bina-Mira Festival der diesjährige Friedenslauf von Aachen nach Eupen (Belgien) statt. Gemeinsam mit einer Gruppe Geflüchteter startet Flame for Peace am Aachener Stadttheater in Richtung zur Grenze nach Belgien, wo am alten Zollhaus die Fackel an die belgische Staffel übergeben wird.

Der Lauf endet hier für die Menschen aus den Krisengebieten, für die von deutschen Behörden keine Reisedokumente ausgestellt wurden, wegen des nach über 2 Jahren immer noch nicht abgeschlossenen Asylverfahrens, des Status als nurmehr Geduldete oder der Unmöglichkeit, in den Botschaften der Länder, aus denen geflohen sind, Pässe zu beantragen.

Ja, wir hier im Dreiländereck haben jahrelang einen wunderbaren grenzenlosen Traum gelebt.

Die Älteren von uns wissen noch, wie es früher hier am Übergang Köpfchen aussah, für die Jungen sind Grenzen in Europa nur noch trockenes Wikipediawissen.

Aber in unserer Erinnerung fühle ich sie noch, die schreckliche Grenze zwischen Ost und West. Stacheldraht und Wachtürme im kalten, erbarmungslosen Licht der Suchscheinwerfer. Wachhundegebell und Grenzsoldaten mit steinernen Gesichtern. Nichts durfte ich in den bangen Minuten der Grenzkontrolle sagen, es hätte die grauen Männer mit den großen Schirmmützen ja verärgern können. Ich hatte kalte, dunkle Kinderangst vor dem Unbekannten, das meine Eltern offenbar so fürchteten. Auch sie waren mehrfach auf der Flucht, nach 45 und vor dem Mauerbau. Im Auto auf dem Rückweg vom Verwandtenbesuch nahe der tschechischen Grenze war ich immer froh, wenn die rhythmisch ruckelnden Betonplatten der Transitstrecke endlich hinter uns lagen.

Und jetzt stellen wir Alten und Jungen atemlos fest, dass wieder neue Mauern hochgezogen werden. Dort draußen, an den Außengrenze Europas. Da, wo der Pulse of Europe lautlos verebbt. Wird im Namen Europas da geschossen? Wenn die Menschen doch so verzweifelt sind auf der anderen Seite, wenn niemand sie will und sie nicht zurückkönnen? Die Zeitungen schweigen sich aus. Wir wollen es hier nicht genau wissen. Wir senken den Blick. Wie damals! Wie damals?

Unvorstellbar bedrohlich wirkt auf mich Europas Stacheldraht, der bis in den Himmel reichen muss um den Krieg und die Not, die da draußen toben, auszuschließen. Krieg und Hunger, woran wir Europäer doch nicht unschuldig sind, mit dem wir hier, auf der Sonnenseite, doch leidlich leben…

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder Mensch hat ein Recht auf Asyl. Wir tanzen auf unseren Festen Demokratie und Integration, wir stricken und trommeln, wir basteln und kochen, wir fahren mit selbstgebauten Holzbooten über imaginäre Meere. Wir laufen und hüpfen im Kreis.

Da draußen, an den Außengrenzen, gelten offenbar andere Grundsätze als in Europas Verfassungen. An diesen Grenzen wird gestorben. Die Flüchtlingslager dort sind in einem menschenunwürdigen Zustand, die Menschen hoffnungslos, ausgesperrt und von der Welt vergessen.

Und heute nun der Lauf.

Welche Menschen sind das, die die heute hier mit uns laufen? Sie sind den Kriegen knapp entkommen. Es vergeht kein Tag, ohne dass sie mir von den schrecklichen Erlebnissen und ihren Ängsten erzählen. Auf den Handys zeigen sie mir die Fotos ihrer von den Taliban erschossenen Freunde, ja, gestern war´s, sagt A. Die Leichen noch frisch, die jungen Gesichter bleich und erkennbar, das Blut überall…

Und nun überbieten sich die machtversessenen Politiker mit ihren Forderungen, die Geflüchteten möglichst schnell wieder los zu werden, sie schieben sie in die noch brennenden Länder, in das brennende Afghanistan. Bald vielleicht auch die Subsidiären, die sich noch im Schutze Deutschlands wähnen, wer weiß, wo doch nächste Woche gewählt wird, welche zynischen außenpolitischen Allianzen dann geknüpft werden?

M. hat mir gestern Morgen das Urteil des Verwaltungsgerichts aufs Handy geschickt.

Abgelehnt. Aus. Hoffnungslos. Rechtskräftig sagt man so schön.

M., der hier als Beispiel für viele aufgeführt wird, kam dann auch gestern Nachmittag zitternd zu mir. Die unverkennbare Krankheit setzt ihm zu. Er kann sich nicht konzentrieren, die Vernehmung ist an ihm vorbeigerauscht. Der Prozess: belanglose Fangfragen eiliger Richter. Die ausführlichen Facharztberichte werden im Urteil mit Textbausteinen zu Marginalien verstümmelt. Rechtsanwalt? Teuer, viele sind unengagiert und wirkungslos.

Ernstgemeinte Rechtstaatlichkeit geht anders, das weiß hier jeder. Die Prozesskostenhilfe wird fast pauschal für bestimmte Herkunftsländer abgelehnt. Die Rechnung des Anwalts liegt schon auf dem Tisch.

M. ist verzweifelt. Wie soll er das bezahlen? Wie geht es jetzt weiter? Er weiß, dass er ab jetzt 24 Stunden, Tag und Nacht, aus dem Bett, der Schule, der Arbeit, 7 Tage in der Woche, abgeholt werden kann, wenn es die Ausländerbehörde entscheidet…

Wie soll er aber mit seinem Handicap nach der Abschiebung im Hexenkessel der schnell wachsenden Millionenstadt Kabul nach Arbeit suchen? Er wird die Rückkehr nicht überleben. Seine Familienmitglieder wurden getötet oder sind im Exil, die Freunde in alle Winde verstreut, sein einziger Verwandter unerreichbar mitten im Land. Wie soll er dorthin kommen? Die Transitstraßen sind in weiten Teilen unter Kontrolle der Taliban. Welche Straßen genau sind frei? Die zitierten Berichte sind hier vielsagend unpräzise. Wie soll das Netz an Hilfsorganisationen, das so wortgewaltig dort im Urteil beschworen wird, den einsamen M. auffangen? Dieses Netz existiert nicht, sagen uns versierte Insider. Auch die wenigen Rückkehrer sind verloren.

Wie sollen die letzten Diplomaten in den zerbombten Botschaften in Kabul und Mazar-i-Sharif die humanitäre Hilfe steuern?

Wir tanzen Integration. Wir feiern uns selbst. Aber die Menschen, um die es geht, die jetzt menschenverachtenden Quotenvorgaben geopfert werden, sind verzweifelt. Können wir das wirklich wollen? Welche zivilgesellschaftlichen Folgen haben diese Heerscharen an Depressiven, Illegalisierten und Hoffnungslosen, die ab jetzt durch Europa mäandern?

Ich will diese Zeilen zum Schluss nicht einfach hoffnungsfrei in den Äther schicken.
Ihr alle, hier in unserer Mitte, werdet noch jahrelang bleiben. Die Mühlen der Verwaltungen, die nun schon 2 Jahre brauchten, um für einige wenige das Asylverfahren abzuschließen, werden sich nicht wesentlich schneller drehen. Aber die Mauern, die Deutschlands Behörden von nun an um Euch Abgelehnte bauen, wollen wir Euch erträglich machen. Vieles bessert sich in unserer Stadt, viele Akteure ziehen mit gemeinsamen Kräften, die Kooperationen zwischen der Zivilgesellschaft und der Verwaltung klappt hier bei uns viel besser als in der Provinz. Gemeinsam mit den vielen Hauptamtlichen, die ihr Bestes geben, sind wir Millionen von Unterstützern. Das darf trotz des dunkel-dräuenden Twittergewitters aus der üblen rechten Ecke nicht vergessen werden. Und wir lassen uns hier unten, am Rand der Gesellschaft, nicht entsolidarisieren. Es geht fast allen besser, seitdem sie hier sind, Milliarden werden über die Flüchtlingshilfe in die Wirtschaft gepumpt, das wenigste bleibt aber wie immer systembedingt bei den Armen und den Geflüchteten selbst, sondern landet in unseren Bildungsträgern, die zu großen Arbeitgebern werden, der Bau- und Immobilienwirtschaft und im Handel. Flüchtlinge sind ein gigantisches Konjunkturprogramm!

Aber es gibt sie trotzdem, die zynischen Hardliner in den Verwaltungen, Ministerien und Regierungen, wir halten ihnen zusammen mit vielen Engagierten in den Ämtern und Initiativen auch weiterhin den Spiegel vor, heute und in der Zukunft, wenn wir uns an diese traurigen Zeiten erinnern. Wir suchen nach Brücken über Ermessensspielräume, nach Perspektiven für die jungen Menschen, die endlich ankommen möchten in ihrem Leben, wir suchen nach Menschlichkeiten, raus aus den Mauern der konformistischen Selbstbeschwichtigungen und aus dem Sumpf des moralfreien Staatspragmatismus.

An der Grenze

Der Lauf war wunderschön. Selbstbewusst das Trommeln der Sambagruppe am Theater. We are here! Und wir sind jung! Im Regen mit den Freunden durch den Grenzwald, im Ziel nass und glücklich, atemlos und stolz. Die Fackelübergabe an der Grenze erscheint auf allen Fotos, hier reicht –bis jetzt noch- ein Flatterband. Nein, hatte die Ausländerbehörde auf meine Frage gesagt, ohne Reisepass darf niemand über die Grenze laufen. Es werden keine Ausnahmen gemacht, nicht einmal für ein freundschaftliches Sportereignis. Den Reisepass gibt es nur in der Botschaft der Länder, unzumutbar für die meisten Flüchtlinge, die vor diesen Regierungen flüchten mussten.

Wir winken zum Abschied unseren belgischen Läufern zu. Irgendwann, hoffen alle Geflüchteten hier, dürfen wir uns völlig legal, mit Pass und Aufenthalt, von hüben nach drüben die Hand reichen.

Bis dahin stirbt der Pulse of Europe eigentlich schon hier.

Im Kukuk

Für heute bleiben nun alle auf der deutschen Seite hier am Kukuk in der gemütlichen Gaststätte zusammen. Die freundlichen Gäste in der Stube machen uns den großen Tisch in der Mitte frei, der Kakao im Kreis der Freunde tut gut.

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