Aachen in Unruhe

Es gibt immer wieder schillernde Kristalli­sa­tions­punkte der Flüchtlingsthematik.

So ist Arif ein besonders gutes Beispiel einer gelungenen Willkommenskultur in unserer Stadt.

Was macht die Stadt in Flüchtlingskultur? Das ist Thema in vielen Ausschusssitzungen. Ja, da tut sich was, alle können aufatmen, vorbildlich, sympathisch, liebe Stadt Aachen, wir können doch alle stolz sein, wir sind menschlich, nett, freundlich, vom Kulturbetrieb über Theater, Sportvereine und Koch-, Schach- und Kegelinitiativen. Hier ist Arif, hier findet Integration statt: Kirche, Chöre, Kunst und Kaffeetrinken. Wir brauchen keine Tour de France, um für Aachen Werbung zu machen. Wir hier leben vieltausendfach Gemeinschaft und Weltoffenheit, Menschlichkeit und Hand­lungs­fähigkeit, auch wenn der Wind dort draußen auf dem Mittelmeer immer härter bläst und Afghanistan, das Arif nach jahrzehntelanger Flucht und Exil nicht mehr kennt, nur noch in der bombensicheren Weste zu betreten ist…

Auch im Zahntechnischen Labor in Eschweiler sind Chef, Betrieb und Azubi Arif miteinander glücklich; die gemeinsame Arbeit macht Spaß.

Arif ist als Afghane jedoch Flüchtling zweiter Klasse, obwohl die deutsche Wirtschaft nach Fachkräften lechzt.

Er schafft die Ausbildung prima, obwohl er bis zum Ausbildungsbeginn noch keinen einzigen Sprachkurs belegen durfte und auch jetzt keine Hilfen bekommt, da er wie viele Tausend andere noch im Verfahren ist. Kein Problem, wofür gibt es denn das Ehrenamt? Da kann die Stadt das Geld besser für die große Kunst ausgeben und unser aller Wirtschaftsleben mit millionenschweren Programmen ankurbeln, wir hier unten helfen die Lücken – nein eher die schwarzen Löcher – zu stopfen! Es klappt. Pragmatisch, praktisch, gut sind wir Öcher schon immer gewesen.

Aber jetzt: Willkommenskultur wird durch Abschiebekultur ersetzt.

Weg mit dem Ehrenamt, her mit dem Ausländeramt. Meine Damen und Herren, schauen sie jetzt bitte alle gezielt weg. Jetzt wird nämlich abgeschoben. Bitte Distanz (zum Objekt, dem Flüchtling), ja! raunen mir sogar große Vertreter der Aachener Charity zu. Bitte keine Emotionen jetzt. Das passt nicht, nicht mehr.

Rechtssicherheit, so dachte ich, sei eine Errungenschaft der demokratischen Gesell­schaft. Die Demokratie feiert sich in Deutsch­land, besonders in Aachen, gern selbst. Ist die deutsche Verfassung auch da, wenn Flüchtlinge sie brauchen? Wir ringen täglich um das Menschenrecht auf Asyl, auf Arbeit und Bildung, suchen bezahlbare Rechtsanwälte. Das BAMF hat sich in der Eile oft verstolpert – es gibt immer häufiger Anlässe, an den Asyl­bescheiden zu zweifeln. Kein Wunder, die Übersetzer sind nicht vereidigt, die Quellen­grundlage für die Einschätzung der Sicherheits­lage nicht aktuell, die dramatische Not der Geflüchteten wird unüberbietbar zynisch unter­schätzt…

Die Verzweiflung der betroffenen Menschen, die Tücken des Verwaltungsrechts und die immer neu sprudelnden Erlasse und Regelungen aus dem Bundes­wirtschafts­ministerium und dem Innenministerium sind wie Skylla und Charybdis – Kurs halten ist schwer.

Aber es gibt sie doch, die Ausbildungs­duldung!!!!! Sie ist erklärter Wille des deutschen Volkes! Von gewählten Vertretern ersonnen! Die Exekutive hält über eingebaute Verfahrenstricks hartnäckig dagegen, es ist wie Rochade am Schluss der Partie. Damit hat keiner gerechnet, wie ein trockener Verwaltungs­akt uns tapferen Recken ein Bein stellen kann, das Haken­schlagen ab jetzt zum Überlebenskampf wird.

Es ist kein Spiel, meine Damen und Herren.

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